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September 5, 2015

Mehrwertsteuersenkung für Übernachtungen: Mogelpackung oder Wachstumsmotor?

Pro 7% statt 19% Mehrwertsteuer auf Gastfreundschaft

Von Nadine Kilian/Fairmas

Pro 7% statt 19% Mehrwertsteuer auf GastfreundschaftAls die schwarz-gelbe Bundesregierung am 4. Dezember 2009 das sogenannte Wachstumsbeschleunigungsgesetz auf den Weg brachte, zeigten die Pressefotos eine entspannt lächelnde Kanzlerin, schließlich war es schon das dritte Konjunkturpaket in den schwierigen Zeiten der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Die darin verankerte Mehrwertsteuersenkung für Hotels war im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung am 24. Oktober 2009 angekündigt worden. „Dies trägt der aktuellen europäischen Wettbewerbssituation im Hotel- und Gaststättengewerbe Rechnung. Die Regelung stärkt das deutsche – vor allem mittelständisch geprägte – Tourismusgewerbe“, hieß es dazu im Jahresbericht der Bundesregierung 2009/10. Von Beginn an wurde die Mehrwertsteuersenkung für die Hotellerie von einer heftigen polemischen Diskussion begleitet. „Blödsinn hoch drei“, urteilte Dieter Ondracek, damaliger Chef der Deutschen Steuergewerkschaft, „Klientelpolitik“, so der damalige finanzpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Gerhard Schick, und DGB-Chef Sommer appellierte noch Mitte Dezember 2009 an die Länder, das Gesetzespaket im Bundesrat zu stoppen. „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ schaffte es sogar auf die Liste der Wörter des Jahres 2009 der Gesellschaft für deutsche Sprache. Die Branche erhoffte sich mit der Steuersenkung Spielraum für Investitionen in einer Zeit erheblicher Umsatzrückgänge. Nur so könne die Hotellerie in Deutschland endlich wieder auf Augenhöhe mit ihren europäischen Mitbewerbern agieren, fasst der Dehoga-Bundesverband seine Position am 9. November 2009 zusammen.

Bei all den hitzigen Diskussionen stellt sich die sachliche Frage: Hat die Senkung der Mehrwertsteuer für Hotelübernachtungen eigentlich die vorangegangenen Einbußen der Hoteliers bei Raten und Revpar (Erlös pro verfügbarem Zimmer) aufgrund der Finanzkrise 2009 aufgefangen? Die Einführung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes auf Hotelleistungen stellte ja für die Hotels – soweit sie ihre Bruttopreise konstant hielten – eine Erhöhung der Netto-Zimmerrate dar.

Bei der Antwort auf die Fragestellung helfen die Analyseergebnisse von Fairmas in Zusammenarbeit mit der “Allgemeinen Hotel- und Gastronomiezeitung” (AHGZ), in denen deutschlandweit 229 Hotels aller Kategorien, die im gesamten Betrachtungszeitraum (2006-2014) kontinuierlich und ohne Unterbrechungen am Markt aktiv waren, verarbeitet sind. Dazu zählen Häuser aller Kategorien zwischen privat geführten und global agierenden Kettenhotels. Die Zahlen garantieren eine verlässliche Betrachtung, da keine Häuser, die später hinzukamen, die Ergebnisse beeinflussen und damit verfälschen. In die Darstellung aufgenommen wurden so 31 Hotels der Zwei- und Drei-Sterne-Kategorie, 140 Häuser mit vier Sternen sowie 58 Hotels der Fünf-Sterne-Kategorie.

Der analytische Zahlenblick
Die Tinte der Unterschriften unter dem Gesetzestext war noch nicht ganz trocken, da begannen die Finanzverantwortlichen in den Wirtschaftsunternehmen Verhandlungen mit den Business-Hotels, die Steuersenkung auf die – auch bereits verhandelten – Preise umzulegen. Mehr finanzielle Spielräume in schwierigen Zeiten? Wohl kaum. In der Freizeithotellerie zeigt sich ein etwas differenzierteres Bild: Hier wurde die Steuererleichterung zum Teil nicht nur an die Gäste in Form von Preissenkungen weitergegeben, sondern von den Hoteliers für Investitionen in ihr Haus oder für die Mitarbeiter (Lohnerhöhungen, Neueinstellungen oder Qualifizierungsmaßnahmen) genutzt. Wie der Dehoga-Bundesverband nach einer Umfrage zur Verwendung der gesparten Steuer feststellen konnte, sind deutschlandweit seit 2010 weit mehr als zwei Milliarden Euro von den Hoteliers investiert worden.

Was brachte die Steuerentlastung bei der Rate nun tatsächlich? Die Antwort: Viel weniger, als intuitiv von einer postulierten Wachstumsbeschleunigung vermutet. Im betrachteten Zeitraum zwischen 2006 und 2014 war Revpar-Wachstum vorwiegend auf eine erfreulich stark steigende Nachfrage landauf landab zurückzuführen. Die Ratensteigerung blieb allerdings in allen Kategorien hinter der Inflation zurück. Lediglich die Fünf-Sterne-Hotels schafften ein Revpar-Wachstum, das größer ist als die Inflation. Doch bis 2014 lag die Rate immer noch hinter dem inflationsbereinigten Wert.

Um zu diesen Schlussfolgerungen zu kommen, hat Fairmas in diesem Zeitraum den tatsächlich erreichten Revpar (Revpar IST) – also die Zahlen, die das Unternehmen von den Häusern bekam – mit dem Revpar Inflation verglichen. Der Revpar Inflation ist der Revpar, wie er sich ausgehend vom Startjahr 2006 entwickelt haben müsste, wenn man nur die Inflationsrate hinzurechnet. Das ist gleichbedeutend mit einem Nullwachstum. Ebenso wurde der tatsächlich gemessene Netto-Zimmerpreis (Average Daily Rate) ADR IST dem fiktiven seit 2006 nur im Gleichtakt mit der Inflation gewachsenen Zimmerpreis ADR Inflation gegenübergestellt.

Die Ergebnisse für alle Hotelkategorien im Durchschnitt sowie für die Kategorien Zwei- und Drei-Sterne, vier Sterne und fünf Sterne sind in den Grafiken dargestellt.

Die Zwei- und Drei-Sterne-Hotels wiesen 2006 einen Revpar von 41,8 Euro aus. Berücksichtigt man die Inflation, sind diese 2014 genauso viel wert wie der Revpar Inflation von 47,4 Euro. Der Revpar IST liegt jedoch bei nur 45,2 Euro. Daraus folgt, dass der Revpar in dieser Kategorie real zurückging, auch wenn er nominal über dem Wert von 2006 liegt. Die jährliche Steigerung allein durch die Inflation beträgt im Schnitt 1,6 Prozent. Die reale jährliche Steigerung beträgt in diesem Fall aber nur 1 Prozent. Nur wenn die durchschnittliche jährliche Steigerung des IST-Werts über den 1,6 Prozent Inflation liegt, hat auch ein reales Wachstum stattgefunden. Die Rate hat sich im Vergleich zum Startjahr kaum geändert. Gemildert werden die Auswirkungen der schwachen Preisentwicklung auf den Revpar nur durch die gestiegene Belegung, die im jährlichen Durchschnitt um 0,7 Prozent wuchs. Beim RevPar für alle untersuchten Hotels war erst ab 2013 reales Wachstum zu beobachten, dass also der Revpar IST über dem RevPar Inflation liegt. Im jährlichen Durchschnitt wuchs der RevPar um zwei Prozent. Gleichzeitig bewegte sich die Rate aber deutlich unter dem Wert, der auch nur für ein Nullwachstum nötig gewesen wäre. Im jährlichen Durchschnitt stieg die Rate nur um 1,2 Prozent. Das Wachstum entsteht hier also nur durch die deutliche Nachfragesteigerung von 0,8 Prozent im Jahresdurchschnitt. Die Fünf-Sterne-Hotels erreichten ein reales Wachstum beim Revpar bereits ab 2012. Im Jahresdurchschnitt betrug das Plus 2,4 Prozent. Auch hier ist vor allem die Nachfrage gestiegen (0,8%). Der Blick auf die Grafik zeigt aber auch, dass sich die Rate, die durchgehend unterhalb der inflationsbereinigten Zimmerrate lag, zumindest im vergangenen Jahr an den inflationsbereinigten Wert angeglichen hat. Bei den Vier-Sterne-Häusern erreichte die Rate nach der Mehrwertsteuersenkung 2010 zwar fast wieder den inflationsbereinigten Vergleichswert ADR IST, fiel aber anschließend wieder dahinter zurück.

Und das Fazit:
Die Mehrwertsteuersenkung im Jahr 2010 war ein politisches Signal und glich Wettbewerbsnachteile der deutschen Hotellerie aus, denn in 21 EU-Ländern galten niedrigere Mehrwertsteuersätze.

Das harte Urteil der Zahlen belegt allerdings, dass die sieben Prozent für die Hotellerie seit 2010 die Einbußen bei den Zimmerraten durch die Finanzkrise 2009 nicht auffingen. Also viel Lärm um nichts? Das ist zu eng gefasst, denn viele nutzten die Steuereinsparungen für An- und Umbaumaßnahmen, Renovierungen, Modernisierungen sowie Neuanschaffungen.

Zugleich ermutigt die Steuersatzänderung aus dem Winter 2009/10 an einer weiteren Dauerbaustelle der Branche zu arbeiten, um endlich die steuerliche Gleichbehandlung der Gastronomie – unabhängig vom Ort des Verzehrs und von der Art der Zubereitung – durchzusetzen. Denn unbestritten entstehen so Spielräume für Investitionen und Arbeitsplätze.

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