Berlin verbietet neue Hotels – Hauptstadt kehrt vom Tourismus ab

Ein ungehöriger Zwischenruf von Carsten Hennig

Neue Hotel-Mitte von Berlin: Am Hauptbahnhof entstehen ein Steigenberger Hotel (Rohbau im Bild), dahinter ein InterCityHotel – bestens etabliert haben sich ein Motel One und das Meininger Hotel (Foto: Carsten Hennig)Der Lager-Wahlkampf in Deutschland wird schärfer: Beflügelt von der linksorientierter Programmatik des neuen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz entschied der rot-rot-grüne Senat von Berlin zwischen der Verschärfung einer Katzenschutzverordnung und neuen Umweltauflagen für die Flughafenbaustelle BER ein verhängnisvolles Verbot: Neue Hotels sind Dekret-ähnlich ab sofort verboten, Privatvermietern werden hohe Bußgelder angedroht, Sharing-Plattformen wie Airbnb sollen sich zurückziehen, sonst werde der Internetverkehr gezielt eingeschränkt. Dies werde in der Nacht zum kommenden Montag per offiziellem Tweet „R2G: No Mass Tourism – Luxushotels gestoppt – Airbnb gekappt“ bekannt gemacht. Dies trete unmittelbar in Kraft, wird ein nicht ganz umfassend informierter Sprecher in die Kameras stammeln.

Völlig abstrusen Gerüchten, nach denen Visa für ausländische Partytouristen nicht-christlicher Herkunft eingeführt werden sollen, tritt der Senat erst Stunden später entschieden entgegen; bis dahin hatten sich wilde Spekulationen per Postings und Tweets bereits tausendfach verbreitet. Selbst in hartgesottenen Etablissements wie dem legendären „Berghain“-Club soll es unter fremdsprachigen Gästen zu bestürzenden Szenen gekommen sein.

Doch hinter dem Hotelverbot – offenbar ausgelöst durch ein reales Dekret der Stadtverwaltung von Barcelona – steckt ein ganz anderes Kalkül: Berlin müsse sich als Hauptstadt aller Deutscher für eine patriotisch-geprägte Identität entscheiden, war in nahezu allen politischen Kreisen zu hören. Massentourismus und überwiegend englischsprachige Öffentlichkeit wie in weiten Teilen von Mitte entsprächen nicht dem neuen Selbstverständnis, das auch unter linksorientierten jungen Einwohnern in den östlichen Stadtteilen feststellbar ist.

Zudem habe die sog. Zweckentfremdung von dringend benötigtem Wohnraum erschreckende Ausmaße angenommen: Nach einer bislang unveröffentlichten Studie von Berliner Studenten sei die Zahl der bei Airbnb buchbaren Übernachtungsstätten mit bislang 12.800 viel zu niedrig angegeben – die tatsächliche „Dunkelziffer“ liege mit geschätzt weit über 45.000 Betten weitaus höher; tatsächlich empfehlen Hotelmarkt-Experten, den Gesamtmarkt nicht wie in der Hotellerie üblich in Zimmern, sondern in einzelnen Betten v/o Übernachtungsstätten zu beziffern, um ähnlich dem „Sitzladefaktor“ der Fluggesellschaften realistische Marktvolumina errechnen zu können.

Dem politischen Kalkül im gerade mal sechsmonatigen Wahlkampf um den Bundestag folgend, wurden offenbar etwaige hohe Schadensersatzforderungen der Immobilienwirtschaft als uneinschätzbares Risiko beseitige gewischt. Angesichts leerer Stadtkassen seien außergerichtliche Einigungen wahrscheinlich, prognostizierten Justiziare mit Verweis auf weitere Stellschrauben wie Verschärfung behördlicher Auflagen zu Brandschutz, Hygienemanagement und Veranstaltungssicherheit. Proteste erster Berliner Hotels gegen Eventverbote hatten sich bereits als aussichtslos herausgestellt.

Die Hauptstadthotellerie mit rund 780 kommerziellen Betrieben gilt nun als „eingefroren“. Ruinen großer Bauprojekte am Bahnhof Zoo und Alexanderplatz sollen ersten Überlegungen aus dem Roten Rathaus zufolge zu Wohnraum und Miniapartments für Notleidende um- bzw. fertiggebaut werden. Allein die Finanzierung über das allseits beklatschte Vorhaben, die über 20.000 Obdachlosen zumindest teilweise von den wilden Zeltplätzen wegzubekommen, blieb bis zuletzt offen.

Die radikale Abkehr vom Tourismus beflügelte indes andere deutsche Metropolen. Dauer-Konkurrent Hamburg plant einen Baustopp für die Renovierung des innerstädtischen Kongresszentrums, um Großveranstaltungen von der Spree an die Alster locken zu können. Tatsächlich sind durch den Baustopp für neue Hotels – zuletzt waren es weit über 20 Entwicklungsprojekte – internationale Tagungen in der Hauptstadt in Frage gestellt. Auch große Messen fremder Veranstalter eruieren einen Wechsel ins nahe Leipzig.

Bereits wenige Wochen nach dem Schlag ins touristische Kontor seien öffentliche Proteste von Minijobbern und Selbstständigen wie Mietköchen, Freizeitgastronomen, Stadtführern und Berlinbloggern zu erwarten, da deren Einkommen stark auf den Zuwachs zahlungsfreudiger ausländischer Besucher basiere, argwöhnen Beobachter. Das scheinbar nur auf Gewinnstreben einzelner Immobilienspekulanten ausgerichtete Bauverbot schade der Vielfalt und dem Lebensgefühl des bunten Berlin in seiner pluralistischer Charakteristik nachhaltig, ließ ein auf Wohnraum spezialisierter Linken-Politiker mit DDR-Vergangenheit wissen; dem war selbst vom gegnerischen Lager zunächst nichts hinzuzufügen.

Im grauen Alltag der Hauptstadt geht indes das Leben weiter. Die Zahl der hämischen Web-Kommentierungen à La „DitIsBerlin“ und „Is mir egal“ halten sich interessanterweise in Grenzen. Ende September soll es dazu eine Krisensitzung mit dem Tourismusbeauftragten der Bundesregierung geben, war zuletzt zu hören.

Über den Autor: Carsten Hennig, Jahrgang 1970, ist Fachautor in Tophotellerie und Spitzengastronomie. Der Anchorman von HOTELIER TV & RADIO wird als Interviewpartner und Key-Note-Speaker geschätzt. Seine visionären Kommentierungen unter dem Duktus „Ungehörige Zwischenrufe“ sind als Beiträge zur öffentlichen Debatte verstanden; konstruktiver Widerspruch ist ausdrücklich erbeten. Sie erreichen ihn per eMail: ch@hotelier-tv.com

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