Mindestlohn schafft Jobs in Gastronomie und Hotellerie? Neue Arbeitsmarkt-Studie: 2,8 Prozent mehr sozialversicherungspflichtigen Beschäftigte im Gastgewerbe – Arbeitszeitdokumentation nur ein bisschen gelockert – Folgen für wirtschaftliche Entwicklung in Gastbetriebe weitreichend – Image der Branche wird gezielt zerschossen

Berlin – Verblüffend: Die Einführung des Mindestlohns zum Jahresbeginn habe in der Hotellerie und Gastronomie zu mehr Jobs geführt. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten im Gastgewerbe sei um 2,8 Prozent (20.000 Jobs) gestiegen. Dies geht aus einer aktuellen Untersuchung der offiziellen statistischen Daten hervor, wie die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung mitteilte. Wieviele Minijobs dagegen im Gastgewerbe seit Januar weggefallen sind, würde nicht erhoben. Auch die wirtschaftlichen Folgen für die Gastbetriebe sind nur teilweise bekannt: Preiserhöhungen, reduzierte Öffnungszeiten (z.B. kein Mittagstisch mehr) und mehr Ruhetage – Marktbeobachter entdecken zahlreiche Änderungen in der Gastronomie bundesweit.

Von Chefredakteur Carsten Hennig

Vor der Einführung des Mindestlohns haben Ökonomen massive Arbeitsplatzverluste prognostiziert. Dies sei nun widerlegt worden. In den ersten vier Monaten des Jahres sind deutschlandweit 216.000 neue sozialversicherungspflichtige Jobs entstanden, fanden die WSI-Forscher Thorsten Schulten und Claudia Weinkopf vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) heraus. Dazu wurden die Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) und des Statistischen Bundesamts ausgewertet. Laut der Studie sei ist die Zahl der Arbeitslosen zwischen Dezember 2014 und Juni 2015 saisonbereinigt um 55.000 (-2%) gesunken. In Ostdeutschland – wo anteilig mehr Beschäftigte vom Mindestlohn profitiert haben dürften – war der Rückgang mit 3,4 Prozent mehr als doppelt so hoch wie im Westen.


Ein anderes Bild ergebe sich bei den Minijobs: Laut BA hat die Zahl der geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse seit Dezember 2014 um 206.000 abgenommen, die Minijob-Zentrale weist ein Minus von 190.000 im ersten Quartal 2015 aus. Allerdings sei dieser Rückgang nicht einfach mit Arbeitsplatzverlusten gleichzusetzen, erklärten Schulten und Weinkopf. Es sei durchaus möglich, dass ein erheblicher Teil der ehemaligen Minijobs in reguläre Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt wurde. Dafür spreche die deutliche Zunahme der sozialversicherungspflichtigen Stellen in Branchen wie dem Gastgewerbe.

Die Hotellerie und Gastronomie steht mit dem Mindestlohn erneut unter starkem Druck. Bei bundesweiten Razzien wurden zahlreiche Verstöße in der Kleingastronomie festgestellt. Auch das renommierte Hotel Kempinski Adlon Berlin wurde wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten an den medialen Pranger gestellt. Die Opposition hat längst zum Angriff auf das Gastgewerbe geblasen; mehrere parlamentarische Anfragen zeugen davon.

Aus der Branche liegt bislang als einzige Untersuchung zum Mindestlohn eine frühe Studie von Prof. Christian Buer (Hochschule Heilbronn, Veranstalter des „Heilbronn Hospitality Symposium“) vor. Zusammenfassend heißt es darin: „Rund jeder zweite Hotelier und Gastronom bewertet den Mindestlohn als ein negatives Ereignis, nicht notwendig, sinnlos und ökonomisch nicht bewältigbar. Die andere Hälfte steht dem Mindestlohn neutral oder positiv gegenüber. Die größten Herausforderungen sehen Hoteliers wie Gastronomen nicht in den Mehrkosten durch den Mindestlohn, sondern in der Dokumentationspflicht und im Aufwand zur Umsetzung. 70 Prozent der befragten Hoteliers und 78 Prozent der Gastronomen sehen in der Dokumentationspflicht eine große oder sehr große Herausforderung. Der Aufwand zur Umsetzung wird von 66 Prozent der Hoteliers und 75 Prozent der Gastronomen als große oder sehr große Herausforderung erlebt.

Insgesamt ist festzustellen, dass Hoteliers dem Grundgedanken des Mindestlohnes im Verhältnis zu den Gastronomen eher folgen. Auch regional unterscheidet sich die Einstellung zum Mindestlohn. Betriebe im Norden und Westen der Bundesrepublik sind dem Mindestlohn und seinen Auswirkungen gegenüber aufgeschlossener als dies die Betriebe im Süden und Osten sind. In der Gesamtbewertung ist festzuhalten, dass die Politik den positiven Effekt des Mindestlohnes in dieser Branche nicht vermitteln konnte. Die Folgen des Mindestlohnes wurden anfangs ökonomisch diskutiert. Mittlerweile hat sich der Schwerpunkt zur Frage der bürokratischen Bewältigung verlagert.“

Derzeit wird das Image des Gastgewerbe gezielt zerschossen: Mitarbeiter in Hotellerie und Gastronomie müssten besonders lange arbeiten und würden überproportional schlecht bezahlt, teilte nun die Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linken mit.

Zum 1. August wurde die aufwändige Dokumentation der Arbeitszeiten ein klein wenig gelockert. „Insbesondere die bisherige Einbeziehung enger Familienangehöriger in die Dokumentationspflicht hatte zu Unverständnis in den Familienbetrieben des Gastgewerbes und zu entsprechenden Unmutsäußerungen geführt. Auch die Absenkung der Verdienstgrenze ist ein Schritt in die richtige Richtung“, heißt es dazu beim Dehoga-Bundesverband.

Im politischen Ringen um nötige, weitere Flexibilisierungen werden die neuesten Arbeitsmarktzahlen die Arbeit des Spitzenverbandes auf dem schlüpfrigen Berliner Parkett eher erschweren. Derzeit wird das Image des Gastgewerbe gezielt zerschossen: Mitarbeiter in Hotellerie und Gastronomie müssten besonders lange arbeiten und würden überproportional schlecht bezahlt, teilte nun die Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linken mit. Durchschnittlich kommen die Beschäftigten im Gastgewerbe auf eine Wochenarbeitszeit von 41,5 Stunden. Knapp fünf Prozent arbeiten sogar 49 Wochenstunden und mehr. Zum Vergleich: Die tarifliche Wochenarbeitszeit in Deutschland beträgt durchschnittlich 37,7 Stunden.

Der Bruttostundenlohn im Gastgewerbe betrug im vergangenen Jahr 11,55 Euro im Durchschnitt (unter Berücksichtigung der Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigten). Zum Vergleich: im Durchschnitt aller Branchen waren es 20,02 Euro. Ergo würden im Gastgewerbe nur 58 Prozent der allgemeinen Durchschnittsbezüge gezahlt.

Zudem sei die Zahl der sog. Aufstocker vergleichsweise hoch. Rund 40.000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigte im Gastgewerbe und Tourismus (5,9%) mussten ihren Niedriglohn mit ergänzenden Hartz-IV-Leistungen erhöhen, um das Existenzminimum zu sichern. Bei den geringfügig Beschäftigten waren es mehr als elf Prozent.

Hohe Abbrecherquoten bei Auszubildenden (knapp 50% bei Köchen) und Betriebsschließungen infolge massiven Fachkräftemangels werden aktuell in die Schlagzeilen gehoben, um den Druck auf die Arbeitgeber in Hotellerie und Gastronomie zu erhöhen. Eine Branche, die mit zum Teil überbordenden Hygienevorschriften Gründer abschreckt, steht unter Generalverdacht. Von einer erlösenden Senkung der Umsatzsteuer für die Gastronomie ist man heute weiter entfernt denn je. Dem nicht genug: Verdi-Chef Frank Bsirske forderte nun eine Erhöhung des Mindestlohns auf zehn Euro. In Berlin gelingt es einfach nicht, die Regulierungswut, die mit dem Rauchverbot der Kleingastronomie einen ersten erstes Todesstoß versetzte, einzudämmen.

Führungskräfte in Hotels müssen heute bereits rund 60 Prozent ihrer Arbeitszeit für administrative Tätigkeiten in Sachen Bürokratie aufwenden, fand der renommierte Betriebsberater Bernhard Patter heraus. So wird die (handwerkliche) Arbeit am Gast konterkariert. Erste Demonstrationen von Gastwirten zum Beispiel in München zeugen davon: Die Unternehmer müssen deutlich werden und mit markigen Auftritten gegenüber der Politik – gegebenenfalls auch aufmerksamkeitsstarken Protestaktionen, Eingaben an Bundestagsabgeordnete und Petitionen – auftreten. Wer jetzt nicht aufsteht, um für untermeerische Freiheit zu kämpfen, versagt der Pflicht zur soziokulturellen Nachhaltigkeit – und damit der Zukunft für eine wunderbare Branche.

Good Morning Hoteliers (51): Grün ist Trumpf - Ziel ist das Null-Emmissionen-Hotel - Anregungen zum Hotelmanagement mit HOTELIER TV & RADIO - Neuer Wochengruss von Carsten HennigCarsten Hennig (45) ist Chefredakteur von gastronomie & hotellerie (mit 21.000 Exemplaren eines de auflagenstärksten Fachmagazine für Unternehmer im Gastgewerbe), Herausgeber von hottelling und Anchorman von HOTELIER TV & RADIO. Den Autor erreichen Sie unter: 030 – 42151-464, carsten.hennig@hussberlin.de   

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